Gebäude 35

Architekt: Günter Hönow, Berlin
1 zweigeschossiges Einfamilienhaus
Händelallee 63, Einfamilienhaus

Zur Beteiligung am Neubau des Berliner Hansaviertels sind in erster Linie namhafte Architekten des In- und Auslands aufgerufen worden. Aber auch jüngeren Architekten, vor allem aus Berlin, wurden beachtliche Aufgaben übertragen. Dafür setzte sich besonders die „Otto-Bartning-Stiftung für Baukunst und bildende Künste ein. Diese Stiftung ist 1955 zum 70. Geburtstag von Professor Bartning ins Leben gerufen worden. Mit ihrer Hilfe sollten zwei Einfamilienhäuser innerhalb der Flachsiedlung im südlichen Teil des Hansaviertels als „freie Aufgabe“ an Nachwuchsarchitekten vergeben werden. Zur Besprechung dieser Aufgabe wurden von allen Hochschulen und Akademien der Bundesrepublik je zwei Architekten, die kurz vor oder nach dem Schlussexamen standen, zu einem Colloquium noch Berlin eingeladen. Jeder Architekt sollte nach eigener Wahl einen jungen Maler oder Bildhauer mitbringen, damit der bildende Künstler von vornherein an dem Bau mitschaffen kann.
„Was ist nach der heutigen Auffassung der Sinn der Familie und wie kann er seine bauliche Ausdrucksform finden?“ Das war das Thema des von Professor Bartning geleiteten Colloquiums, das schließlich in dem Wettbewerb um den Bau der beiden Häuser im Hansaviertel gipfelte.

24 Projekte wurden Ende 1956 vorgelegt, von ihren Verfassern erläutert und dann gemeinsam bewertet.
13 Arbeiten kamen in die engere Wahl, zwei wurden einstimmig als für das Hansaviertel ausführungswürdig anerkannt.
Das Objekt 35 ist einer der in diesem Wettbewerb preisgekrönten Entwürfe. Charakteristisch ist, dass zwei Drittel des Hauses von einem Raum eingenommen werden. In der Mitte dieses Raumes sind Schrankkücheneinheit, Bad, Waschmaschine, WC, Heizung und alle erforderlichen lnstallationen und Leitungen sowie ein Abstellraum zu einem Block zusammengefasst.

Um diesen zentralen Block gruppieren sich Wohn-, Ess- und Arbeitsteil. Vom „Kochteil“, des Raumes aus kann die Hausfrau den Hauseingang, den Kinderspielhof und das Kinderzimmer übersehen. Der Wohnraum kann vom Arbeitsraum und vom Schlafzimmer der Eltern durch Schiebwände abgetrennt werden. Das Haus hat keinen Flur. Die ganze Südfront ist in Glas aufgelöst. Der im Süden anschließende Wohnhof wird als ein unter freiem Himmel liegender Teil des Wohnraumes betrachtet. Die Wohnfläche ist schachbrettartig unterteilt. Mit Klinkern ausgefachte Felder wechseln auf dem Wohnhof mit bepflanzten Flächen. Der Wohnhof wird von raumhohen Wänden umschlossen, die den Bewohnern die erwünschte Abgeschlossenheit geben. Damit auch der Einblick von den Hochhäusern im Norden so weit wie möglich verwehrt wird, liegt über einem Teil des Hofes eine Pergola.

Statik: Dipl. Ing. Hans R. Rachow (Berlin)
Bauleitung: Architekt Bert. Gerhards (Berlin)
Gartengestaltung: Ernst Cramer (Zürich, Schweiz)
und Otto Valentien (Stuttgart-Riedenberg)

GÜNTER HÖNOW
Günter Hönow (* 21. Oktober 1923 in Stahnsdorf bei Berlin; † 20. Januar 2001 in Berlin) war ein deutscher Architekt der Nachkriegs-Moderne.

Nach dem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft studierte der Sohn eines Landwirtes und gelernte Zimmermann von 1949 bis 1951 und 1953 bis 1955 an der Kunsthochschule Berlin, wo er sowohl durch die internationale Moderne inspiriert als auch von so bedeutenden Architekten wie Max Taut geprägt wurde, die bereits in den 1920er Jahren und dann beim Wiederaufbau das architektonische Bild (west-)deutscher Großstädte neu akzentuierten. Mit einem zur Internationalen Bauausstellung Interbau 1957 im Berliner Hansaviertel errichteten Bungalow gewann Günter Hönow den Nachwuchswettbewerb.
Tätigkeit
Ab 1960 wirkte er als Entwurfsdozent an der Staatlichen Werkkunstschule Berlin und errang u. a. 1961 den Preis "Junge Generation" (Berliner Kunstpreis) und 1967 den Kölner Architekturpreis. Von 1971 bis 1986 lehrte er als Professor für Entwerfen, Gebäude- und Innenraumplanung an der Hochschule der Künste (heute Universität der Künste Berlin) und war Mitglied des Deutschen Werkbundes (1976 Aufnahme in die Werkbund-Dok.). 1978 erhielt er den international renommierten Preis Habitation Space.
Werke (Auswahl)
Neben spätmodernen Einfamilienhäusern in Berlin-Lichterfelde und Berlin-Wannsee gehören Wohnblocks in Kölns Neuer Stadt sowie Berlins Gropiusstadt ebenso zu seinen Werken wie das 1968 erbaute Verwaltungshochhaus der Deutschen Bank am Berliner Ernst-Reuter-Platz. Während letzteres 1998 umgebaut und der preisgekrönte Eingeschosser in der Tiergartener Händelallee 1999 saniert wurden, sind zwei seiner Hauptwerke inzwischen verschwunden: Das 1963 bis 1969 unter der Leitung von Günter Hönow zum "Berlin-Museum" wiederaufgebaute frühere Preußische Kammergericht in der Berlin-Kreuzberger Lindenstraße wurde von 1993 bis 1999 durch Daniel Libeskind umgebaut und durch einen prominenten Erweiterungsbau zum Jüdischen Museum ergänzt. Dem vom Günter Hönow entworfenen und 1971 eröffneten Berlin-Charlottenburger S-Bahnhofs widerfährt durch die gegenwärtig laufende Verlegung das gleiche Schicksal.