Gebäude 23

Architekt: Pierre Vago, Paris
Klopstockstrasse 14-18, "Zeilen"-Hochhaus

Lage: lm Südwesten des Hansaviertels liegt das Wohnhaus zwischen Klopstockstraße und Händelallee. Die Längsachse verläuft in Nord-Süd-Richtung. Vom städtebaulichen Standpunkt aus betrachtet ist dem Gebäude im Bebauungsplan des Hansaviertels die Aufgabe übertragen, Bindeglied zwischen den hohen Baukörpern im Süden und Norden des Stadtteils zu sein. Von Süden her gesehen liegt es hinter der städtebaulichen Klammer des Gropius-Hauses, die das Punkthaus an der Südwestecke und den hoch aufstrebenden Baukörper der evangelischen Kirche zusammenhält, wie ein nach Norden weisender Richtungspfeil. Diese Tendenz wird weiter nordöstlich noch einmal ganz klar von dem Gebäude des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer aufgenommen. Nach Osten hin haben die Mieter des Vago-Hauses einen freien Blick, über die vorgelagerten Flachbauten hinweg, auf die Weite des Tiergartens. Nach Westen sieht man durch die etwa rechtwinklig zu dem Gebäude liegende Reihe der viergeschossigen Baukörper hindurch auf die Spree.

Konstruktion: Das Gebäude ist etwa 64 m lang, 12,5 m tief und 28,10 m hoch, es handelt sich um eine Stahlbetonkonstruktion mit Rahmenbindern. Durchgehende Stahlbetonwände dienen zur Aussteifung des Gebäudes. Die Außenwände sind in 15 bis 20 cm dickem Beton geschüttet und mit 5,5 cm dicken Holzwolle-Leichtbauplatten verkleidet. Die 15 cm dicken Wohnungstrennwände aus Beton erhalten ebenfalls eine schalldämmende Leichtbauplattenschicht und werden beiderseitig geputzt. Die Decken sind aus Stahlbeton und gegen Trittschall isoliert. Wie alle anderen großen Gebäude im Hansaviertel ist auch dieses Haus an das Fernheiznetz angeschlossen. Die Anschlüsse der Heizung liegen im Keller. Um auch den Keller mit der Waschküche entwässern zu können, ist eine Schmutzwasseranlage eingebaut worden.

Gliederung: Das Haus steht zum Teil auf Stützen, überdachte Rampen führen zum Erdgeschoss in die Haupthalle und in den Keller, in dem Abstellräume, mit Automaten ausgerüstete Waschküchen und die technischen Räume liegen. Die Haupthalle bildet den Zugang zu den drei Treppenhäusern und den Fahrstühlen. Das Dachgeschoss ist nur zu etwa 60 % ausgebaut, es beherbergt eine Ein-, eine Zwei- und eine Fünfzimmerwohnung, im übrigen steht es allen Hausbewohnern als eine begehbare, zum Teil überdachte Freifläche zur Verfügung. Diese Tendenz, einen Teil des Hauses dem Allgemeingebrauch vorzubehalten, kommt auch im Erdgeschoss zum Ausdruck: der nicht ausgebaute Raum der Haupthalle ist als Kinderspielplatz für regnerische Tage gedacht.

Wohnungen: Die 59 Wohnungen haben zusammen eine Fläche von 4675,28 qm, sie sind in sieben verschiedene Typen (1, 2, 2 ½, 3, 3 2/2, 4 und 5 Zimmer) gegliedert. Die Wohnungsgrößen liegen zwischen 50 und 118 qm. 24 Wohnungen erstrecken sich über anderthalb Stockwerke. Zu diesem Zwecke haben zwölf Wohnungen größere Deckenhöhen und die anderen zwölf vertiefte Fußböden erhalten, die tiefer liegenden Räume sind mit den anderen Zimmern der Wohnung durch eine Treppe verbunden. Dieser Wechsel der Raumhöhen hebt das Wohnzimmer als einen besonders lichten und luftigen Raum hervor. Die Wohnungen werden mit Einbauschränken und -küchen ausgestattet, Badezimmer und Toiletten sind zum Teil voneinander getrennt. Kleine Wohnungen erhalten statt der Badewanne eine Duschanlage, die Innenbäder werden künstlich entlüftet. Die unterschiedlichen Raumhöhen treten auf der Ostfassade durch die Anordnung von Loggien und Balkonen in Erscheinung und nehmen der Front jede Einförmigkeit. Die Ostfassade erhält hellgrauen feinen Kratzputz, das Erdgeschoss wird dunkelgrau abgesetzt, die Balkonbrüstungen werden teilweise in Stahl mit hellblauem Anstrich teilweise in Sichtbeton ausgeführt oder weiß gestrichen.

Die Westfassade erhält einen Glasplattenbelag in Weiß, Grau, Blau und Gelb. Der Südgiebel wird ebenfalls mit farbigen Glasplatten belegt, während der Nordgiebel hellgrauen feinen Kratzputz erhält.

Statik: Dr.-Ing. Hans Dienst (Berlin)
Prüfingenieur: R. Breuer (Berlin)
Bauleitung: Architekt Friedrich Karl Gettkandt (Berlin)
Gartengestaltung: Professor Hermann, Mattern (Kassel)
und René Pechére (Brüssel)

PIERRE VAGO
Pierre Vago (* 30. August 1910 in Budapest; † 1. Februar 2002 in Noisy-sur-Ecole) war ein französischer Architekt und Mitgestalter des Berliner Hansaviertels. International bekannt wurde er als Herausgeber von "l’Architecture d’aujourd’hui" und Generalsekretär der UIA. Vago ist Ehrenpräsident der UIA.
Leben
Der junge Franzose Vago, studierte an der Ecole Spéciale d’Architecture in Paris. Mit seinen Sozialbauten, Fabriken, den Zentralbanken der französischen Provinzen Tunesien und Algerien, aber auch der Wallfahrtsbasilika St. Pius in Lourdes, erregte er in den Nachkriegsjahren Aufsehen. Sein Vorbild war Auguste Perret.
Als Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift "l’Architecture d’aujourd’hui" (Die Architektur von heute) wurde Pierre Vago zum internationalen gewichtigen Architekturkritiker. Pierre Vago gründete 1948 die UIA - Union Internationale des Architectes, deren Generalsekretär er auch lange Jahre war. Sein Ziel war es, die Architekten aller Länder in einer Union ihrer Standesorganisationen zu vereinen. Die UIA ist 2005 in 95 Ländern vertreten und repräsentiert damit ca. 1.5 Millionen Architekten. Unter seiner "Regentschaft" wurde die Annäherung der west- und ostdeutschen Architekten bereits Ende der fünfziger Jahre aufgenommen. Vago wurde als Vorreiter der deutsch-französischen Freundschaftspolitik angesehen.
Internationale Beachtung fand das 1984 durchgeführte "Internationales Architektur Symposium "Mensch und Raum" an der TU Wien, an dem neben Pierre Vago beispielsweise Justus Dahinden, Dennis Sharp, Bruno Zevi, Jorge Glusberg, Otto Kapfinger, Frei Otto, Paolo Soleri, Ernst Gisel, Ionel Schein u.a. teilnahmen.
Pierre Vago war Ehrenmitglied beispielsweise des britischen RIBA, des deutschen Bund Deutscher Architekten (BDA) und des amerikanischen American Institute of Architects (AIA).
Literatur (Auswahl)
Pierre Vago: "l’Architecture d’aujourd’hui, revue internationale d’architecture contemporaine, Paris", 1971, ISBN B0000DWOHP
• Gabriel Epstein, Pierre Vago, Klaus Müller-Rehm: "Architektur-Experimente in Berlin und anderswo. Für Julius Posener", 1989, ISBN 3924812241
• Pierre Vago: "L’UIA, 1948-1998", Epure 1998, ISBN 2907687581
• Pierre Vago: "une vie intense", Aam 2000, ISBN 2871431108