Gebäude 19

Architekt: Oscar Niemeyer Soares Filho (Brasilien)
7geschossiges Wohnhaus
Altonaer Straße 4-14, "Zeilen"-Hochhaus

Lage: Nördlich der Altonaer Straße, zwischen Klopstockstraße und Brückenallee. Die Längsachse des Hauses verläuft etwa in Nord-Süd-Richtung.

Konstruktion: Der Schottenbau ist 72m lang, 15m breit und 27m hoch. Die Decke über dem freien Erdgeschoss trägt in 6 m Abständen Schottenwände, die sich durch das ganze Haus ziehen. Je 2 Schotten ruhen auf V-förmigen Stützen an den Längsseiten des Hauses. Die Stützen fassen die Lasten von jeweils 2 Schotten (Feuerwänden) zusammen und übertragen diese punktförmig auf die Einzelfundamente. Die bis zum Dach reichenden Schotten (Querwände) sind durch Rippendecken unterzuglos verbunden.

Gliederung: lm Keller des Gebäudes liegen Abstell- und technische Räume. Im Erdgeschoss befinden sich die Zugänge zu den 6 Treppenhäusern, in denen auch die Installationszellen hochgeführt werden. Etwa 7 m von dem Hauptbaukörper entfernt, steht frei, über dreieckigem Grundriss, der Aufzugsturm mit je einem Personen- und Lastenfahrstuhl. lm 1. bis 4. und im 6. bis 7. Obergeschoss liegen je zwei Wohnungen an einem Podest, im 5. Geschoss nur eine von jedem Treppenhaus. Die Westseite dieses Stockwerkes ist Gemeinschaftsräumen vorbehalten, die, durch Glaswände unterteilt, den Bewohnern verschiedenste Erholungs- und Kontaktmöglichkeiten bieten. Hier wird besonders das Streben deutlich, die in einem Gebäude zusammengefügten (Verteilergeschoss) Wohnzellen zu einem Gemeinwesen werden zu lassen.

„Conjunto“ nennt man in Brasilien diese Wohnform. Das “Freigeschoss“ erreicht man durch die Fahrstühle in dem frei stehenden Turm. Es hat daher auch eine Verteilerfunktion, denn man erreicht von hier aus die beiden darüber- und darunterliegenden Etagen über die Treppenhäuser. In das 1. und 2. Obergeschoss gelangt man vom freien „Erdgeschoss“. Im Dachgeschoss, wo der Fahrstuhl ebenfalls hält, liegen Wirtschafts-, Wasch- und Trockenräume.

Wohnungen: Das Haus hat 78 Wohnungen (5089 qm Wohnfläche) mit folgender Zimmerzahl: 1 1/2 (1), 2 (12), 3 (53), 4 (12). Die Wohnungsgrößen liegen zwischen 44 und 78 qm. Schlafzimmer weisen nach Osten, Wohnräume und Küchen nach Westen. Über die ganze Breite der Wohnungen ziehen sich - vor Küchen und Schlafräumen angeordnet - Balkone. Da die Küchen, die Wohn- und Schlafräume jeweils die Breite der zu einer Wohnung gehörenden Außenwand einnehmen, wurden die sanitären Räume in die Mitte der Wohnung gelegt. Diese Innenbäder und Toiletten (bei den 3- und 4-Zimmerwohnungen sind beide getrennt) werden durch einen Schacht be- und entlüftet. Unmittelbar neben dem Wohnungseingang liegt die Küche. Die Diele, die mit eingebauten Schränken ausgestattet ist und den Wohnteil mit dem Schlafteil verbindet, geht unmittelbar in den großen Wohnraum über. Durch das Ineinandergehen von Wohnraum und Diele erscheint das Wohnzimmer wesentlich vergrößert, eine gekurvte Wandführung löst die Rechteckform des Wohnraums auf.
Wohnraum und Küche liegen hinter dem Balkon auf der Westseite nebeneinander und sind durch eine fensterähnliche Durchreiche miteinander verbunden. Stellt man den Esstisch davor, kann die Hausfrau unmittelbar von der Küche aus den Tisch decken; spielen die Kinder im Wohnzimmer, kann die Mutter bei der Küchenarbeit gleichzeitig auf sie achten. Die Küchen sind mit Einbaumöbeln ausgestattet, jede ist an die Müllschluckanlage angeschlossen.

Statik: Ing. Cardoso (Rio de Janeiro)
Prüfingenieur: Dr.-Ing. Max Hannemann (Berlin)
örtliche Bauleitung: Dipl.-lng. Reg.-Baumeister G. Gerd Biermann
Gartengestaltung: Prof . Hertha Hammerbacher (Berlin)
Edvard Jacobson (Karlstadt/Schweden)

OSCAR NIEMEYER
Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho (* 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro; †5. Dezember 2012 ebenda) — brasilianischer Architekt. Er gilt als Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur.

Biografie
Oscar Niemeyer schloss 1934 sein Studium an der Nationalen Schule der Schönen Künste in Rio de Janeiro ab und arbeitete im Anschluss mit einem brasilianischen Architektenteam zusammen mit Le Corbusier am neuen Ministerium für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro. 1945 schloss er sich der Brasilianischen Kommunistischen Partei an. In den Jahren 1947 bis 1953 war er der Vertreter Le Corbusiers im Planungsgremium der UNO für das Haus der Vereinten Nationen. Die Zusammenarbeit mit Le Corbusier sollte sein späteres Schaffen stark beeinflussen.
Zwei Jahre nach der Machtergreifung durch die Militärs im Jahre 1964 ging er wegen seiner Mitgliedschaft in der Brasilianischen Kommunistischen Partei nach Frankreich ins Exil. Ende der 1960er Jahre konnte er seine Arbeit in Brasilien fortsetzen. Er lehrte unter anderem an der Universität von Rio de Janeiro. Er kehrte allerdings erst in den 1980er Jahren gänzlich nach Brasilien zurück.
Niemeyer setzte früh fast ausschließlich auf Beton als Baumaterial. Er wurde durch seine futuristische und plastische Formensprache mit kurvenreichen, weichen Konturen und ausgewogenem Verhältnis zwischen freiem Raum und Volumen berühmt. Der Orthogonalität vieler seiner Kollegen schwor er fast vollständig ab. Seine kühnen und unkonventionellen Entwürfe begründeten sein Ansehen als einer der wichtigsten Vertreter der Moderne.
Am bekanntesten sind seine Entwürfe für den Bau der brasilianischen Hauptstadt Brasília zwischen 1957 und 1964. Alle öffentlichen Gebäude in der auf dem Reißbrett geplanten Stadt stammen aus seiner Hand. 1987 wurde Brasília von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Oscar Niemeyer ist auch mit 98 Jahren noch als Architekt tätig und plant derzeit beispielsweise ein Freizeit- und Spaßbad in Potsdam.
Werke
Oscar Niemeyer zählt zu den schaffensreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Sein Werk teilt Niemeyer selbst in fünf Perioden (Pampulha, Pampulha bis Brasília, Brasília, Bauten in Übersee [Paris, Mailand usw.] und Spätwerke).
• Ministerium für Bildung und Gesundheit (heute Kulturpalast [mit Le Corbusier, Lucio Costa, Jorge Machado Moreira und Afonso Eduardo Reidy]- Rio de Janeiro - 1937 bis 1943
• Haus von Oswald de Andrade - São Paulo - 1938
• Brasilianischer Pavillon auf der Weltausstellung - New York - 1939
• Casa do Baile, Tanzsaal und Restaurant - Pampulha bei Belo Horizonte, Brasilien - 1940
• Nationalstadion von Rio de Janeiro - 1941
• Kirche São Francisco - Pampulha, Brasilien - 1943
• Municipal-Theater - Belo Horizonte, Brasilien - 1946
• Biennial Pavilion im Ibirapuera Park - São Paulo- 1951
• Hauptgebäude der Vereinten Nationen (Mitarbeit) - New York - 1952
• Casa das Canoas - Rio de Janeiro - sein früheres Wohnhaus in São Conrado ist heute öffentlich zugänglich - 1954
• Interbau-Wohnhochhaus - Berlin - 1957
• Öffentliche Gebäude von Brasília (u. a. Catedral Metropolitana, Nationalkongress, Alvorada-Palast, Itamarati-Palast, Planalto-Palast, Platz der drei Gewalten, Oberster Gerichtshof) - 1957 bis 1964
• Hauptsitz der Französischen Kommunistischen Partei (PCF), Bürogebäude und Kuppel der Versammlungshalle - Paris - 1967 bis 1972
• Verlagsgebäude Mondadori - Segrate bei Mailand, Italien - 1968
• Universität von Constantine - Constantine, Algerien - 1968
• Nationalhotel - Rio de Janeiro - 1968
• Kulturzentrum - Le Havre, Frankreich - 1972
• Bürogebäude Sede Fata - Pianezza bei Turin, Italien - 1977 bis 1979
• Samba-Stadion - Rio de Janeiro - 1983
• Tancredo Neves Pantheon der Freiheit und Demokratie - Brasília - 1985
• Memorial da América Latina - São Paulo - 1987
• Museu de Arte Contemporânea (Museum für zeitgenössische Kunst, das an die Form eines UFOs erinnert) - Niterói - 1991
• Museu de Arte (Kunstmuseum) - Paraná, Brasilien - 2002
• Casino, Casino Park Hotel, Kongresszentrum - Funchal
• Serpentine Gallery Pavilion 2003 - London - 2003
• Konzerthalle in São Paulo - 2004
• Freizeitbad in Potsdam - 2007 (geplant) Auszeichnungen (Auswahl) Mitgliedschaft in der Amerikanischen Akademie der Künste und Wissenschaften (1949) Goldmedaille des Amerikanischen Instituts für Architektur (1970)
• Pritzker-Preis für Architektur (1988)
• Goldmedaille des Colegio de Arquitectos de Barcelona (1990)
• Ehrendoktorwürde der Universität von São Paulo (1995)
Literatur:
Oscar Niemeyer: Curves of Time. The Memoirs of Oscar Niemeyer. Phaidon Press, 2000, ISBN 0-7148-4007-6
• Ingeborg Flagge, Paul Andreas: Oscar Niemeyer. Eine Legende der Moderne/A Legend Of Modernism. Edition Deutsches Architekturmuseum/Birkhäuser Verlag, Basel 2003, ISBN 3-7643-6992-2 - Buchvorstellung mit vielen Abbildungen (engl.)
• David Kendrick Underwood: Oscar Niemeyer and the Architecture of Brazil, Rizzoli 1994, ISBN 0-8478-1687-7
• Christian Hornig: Oscar Niemeyer. Bauten und Projekte. Ernst und Sohn, Berlin 1981, ISBN 3-7879-0213-9
• Heike Werner: Rio de Janeiro für Architekten. München 2003, ISBN 3-00-012540-X