Gebäude 10

Architekt: Professor Gustav Hassenpflug, (München)
16geschossiges Wohnhaus
Bartningallee 9, "Punkt"-Hochhaus

Lage: Das Objekt 10 ist das mittlere der fünf turmartigen Hochhäuser, die das Hansaviertel im Norden begrenzen.

Konstruktion: Mit Ausnahme des Kellers und des Erdgeschosses sind die Außenwände aus Elementen (Stahlbetonstützen als Pendelsäulen und zweischaligen Wandplatten) erstellt, die in der Fabrik vorgefertigt wurden. Diese Konstruktion aus geschosshohen, vorgefertigten Stützen, die auf der Baustelle zusammengesetzt werden, ist charakteristisch für den Bau. Die Felder zwischen den Stützen sind mit ebenfalls vorgefertigten Platten ausgefacht. Die 18,5 cm dicken Wohnungstrennwände werden in Leichtbeton geschüttet. Die gut isolierenden Trennwände innerhalb der Wohnungen sind 5 cm dick. Der Hauptteil der Geschosslasten und die Windkräfte werden von zwei sich rechtwinklig kreuzenden Betonwandscheibenpaaren aufgenommen. Das Gebäude ist auf Streifenfundamenten aus bewehrtem Beton auf vorverdichteter Kiessandschüttung gegründet. Die Außenwandfertigteile werden vom Hausinnern aus montiert, so dass kein Gerüst erforderlich war. Die Teile könnten bei Reparaturen auch von innen ausgewechselt werden.

Abmessungen und Gliederung: Über einer Grundfläche von 22,40 X 22,80 m erreicht der Bau eine Höhe von 49 m. lm Kellergeschoss liegen Abstell- und Maschinenräume. Eine 7 m breite Halle zieht sich im Erdgeschoss von der Nord- bis zur Südseite. Ferner liegen im Erdgeschoss die Hausmeisterwohnung, Abstellräume und Waschanlagen. und Waschanlagen. Ein Treppenhaus mit Lasten- und Personenaufzug sowie Müllschlucker zieht sich durch alle Etagen.

Wohnungen: 15 Obergeschosse haben je 5 Wohnungen. Insgesamt werden 76 Wohnungen mit rund 5105 qm Wohnfläche gewonnen. In jeder Etage liegen vier Dreizimmerwohnungen (71 qm) und eine Zweizimmerwohnung (42 qm). Grundidee des Architekten war, die Wohnungsgrundrisse variabel zu halten. Dazu wurden die Trennwände so freitragend über jede Wohnung gespannt, dass die Trennwände nach den Wünschen der Mieter innerhalb der Wohnung beliebig gesetzt werden können. Lediglich Küchen, Bäder und WCs behalten infolge der durchgehenden Installationen ihren festen Platz. Um die Möglichkeiten der Variabilität zu veranschaulichen, wurde der Normaltyp (71 qm Grundfläche), von dem 56 Wohnungen gebaut werden, in sechs verschiedenen Ausführungen gezeigt (siehe Zeichnungen). Die Raumaufteilung lässt sich, wenn sie aufgrund veränderter Bedürfnisse der Bewohner erforderlich werden sollte, auch später mit geringem Kostenaufwand verändern, denn es brauchen weder Installationen verlegt noch Unterzüge für die Zwischenwände eingebaut zu werden. Damit wird dieses Wohnhochhaus Bedürfnissen gerecht, die bisher nur mit hohen Kosten oder durch relativ teure Falt- und Schiebewände befriedigt werden konnten. Alle Küchen sind mit Einbaumöbeln ausgestattet.

Das Dachgeschoss ist als Staffelgeschoss ausgeführt. Die Wohnungen mit Ateliercharakter haben hier durchlaufende Terrassen. Während für die Bewohner der übrigen Etagen die Abstellräume im Keller liegen, sind für die Mieter des Dachgeschosses größere Abstellräume in den Wohnungen vorgesehen. Das Treppenhaus ist als Sicherheitstreppenhaus nur über offene Loggien zu erreichen.

Statik: Professor Dipl.-Ing. v. Halasz (Berlin)
Prüfingenieur: Dipl. Ing. Gerhard Jung (Berlin)
Bauleitung: Professor Dipl.-Ing. v. Halasz (Berlin
Gartengestaltung: Gustav Lüttge (Hamburg) und
Professor Pietro Porcianai (Florenz)

GUSTAV HASSENPFLUG
Wohnen in variablen Grundrissen: Objekt 18 von Gustav Hassenpflug . . . Die Bartningallee 9 (anfangs noch: Brückenallee 23) ist das mittlere der parallel zur S-Bahn gelegenen fünf turmartigen „Punkthochhäuser“. Die Interbau 1957 wollte als Bauausstellung modernes Bauen in allen Phasen zeigen, und Objekt 18 gehört zu denjenigen Häusern, die damals im Rohbau besichtigt werden konnten; bezugsfertig wurde es erst Ende 1958.
Das Haus hat eine nahezu quadratische Grundfläche mit Seitenlängen von etwas mehr als 22 m und erreicht mit Erdgeschoss und 15 Obergeschossen eine Höhe von 49 m. Hierbei wurden 77 Wohnungen mit über 5100 qm Wohnfläche geschaffen. Der Hauptteil der Geschosslasten und die Windkräfte werden von zwei sich rechtwinklig kreuzenden Betonwandscheibenpaaren (Schotten) und den Treppenhauswänden aufgenommen. Als charakteristisch für den Bau gilt bei den 15 Obergeschossen die Verwendung von in der Fabrik vorgefertigten Elementen für die Außenwände, die erst auf der Baustelle zusammengesetzt wurden: Stahlbetonstützen als Pendelsäulen sowie zweischalige Wandplatten. Die Montage erfolgte vom Hausinnern aus, so dass kein Gerüst erforderlich wurde. Dies soll auch etwaige spätere Reparaturen an der Fassade kostengünstig halten.
Das 7 m breite Foyer im Erdgeschoss mit seinen ebenso breiten Treppen im Süden und Norden des Gebäudes gehört zu den großzügigsten Eingangssituationen der Häuser im Hansaviertel und gilt als deren schönste. Dies zeigt sich vor allem nachts und wenn neben der Standard-Beleuchtung zusätzliche Lichtbänder eingeschaltet sind, die oben - kapitellartig - um die beiden tragenden, freistehenden Wände führen. Diese wiederum sind passend zum Terrazzoboden vollständig mit anthrazitfarbenen Kunststeinplatten umkleidet.
Als Komfortausstattung des Hauses wurde 1957 ausdrücklich die Müllabwurfanlage („Müllschlucker“) erwähnt, die heute vornehmlich noch im Erdgeschoss genutzt wird, um den täglichen Werbemüll sofort zu entsorgen. Die zeitgemäße Mülltrennung hat - bei nur einem Abwurfschacht - längst zur Einrichtung eines Müllplatzes hinter dem Haus geführt: dort, wo ursprünglich die wiederum nur noch selten genutzten Teppichklopfstangen standen. Die Briefklappen an den Wohnungstüren aller Etagen erinnern daran, dass die Postzustellung einmal bequem auf den Etagen erfolgte. Die Post fand dies zu zeitaufwendig; jedenfalls gehören die 75 Briefkästen im Foyerbereich ebenso wenig zur gestalterischen Absicht des Architekten wie die drei nachträglich erforderlich gewordenen Rohrverkleidungskästen oder die heutige horizontale Zweiteilung der Glasscheibe in der Haupteingangstür durch einen Holzbalken (sie war zu oft beschädigt). Für das Erdgeschoss waren eine Hausmeisterwohnung, ein großer Abstellraum für Kinderwagen (später Werkstatt des Hausmeisters, heute mit der Wohnung zusammengelegt) und zwei Büros vorgesehen (eines heute Arztpraxis; das andere zunächst für gemeinschaftliche Waschanlagen und als Räumlichkeit zum Aufhängen und Trocknen der Wäsche genutzt, dann in einen Abstellraum für Kinderwagen, Kinderfahrräder, Roller und Rodelschlitten umgewandelt, heute Werkstatt und Büro des Hausmeisters). Als mit dem Haus auch seine Bewohner älter wurden, sind außen nachträglich Treppengeländer und an der Nordseite eine hölzerne Auffahrt für Rollstühle angebracht worden. Trotz mancher der Abnutzung, dem sich wandelnden Zeitgeschmack oder erhöhten Sicherheitsanforderungen geschuldeten Veränderungen (z.B. beim Einbau innerer Türen in den Aufzügen) hat sich vieles im Haus im Stil der Bauzeit erhalten. Es gibt Eigentümer, die mit einem gewissen Stolz darauf verweisen können, noch alle Lichtschalter und Steckdosen, Türdrücker, Fensterriegel, Rippenheizkörper etc. im ursprünglichen Design zu besitzen und womöglich sogar einen unter Teppichböden jahrzehntelang geschonten und dadurch gut erhaltenen Korklinoleumboden (je nach Wohnbereich in unterschiedlichen Farben gehalten) vorweisen können.
Die einzigartige Besonderheit des Hauses liegt jedoch gerade in der Veränderung begründet. Ein Hauptanliegen des Architekten war es, die Grundrisse so variabel zu halten, dass innerhalb der Wohnung alle oder doch fast alle Wände nur Trennwände und nicht tragende Wände sind und somit ganz nach Wünschen der Mieter entfernt oder verändert werden können. „Lediglich Küchen, Bäder und WC’s behalten infolge der durchgehenden Installationen ihren festen Platz“, heißt es dazu 1957 im amtlichen Katalog der Interbau. [Auch diese Einschränkung wurde inzwischen aufgehoben, und wer eine kleine Stufe in seiner Wohnung in Kauf nimmt, kann in dem erhöhten Boden natürlich auch Installationen und namentlich Abwasserkanäle mit leichtem Gefälle innerhalb der Wohnung verlegen - Undichtigkeiten werden hierbei allerdings besonders teuer.] Der Architekt hat damals bereits unterschiedliche Grundrisse vorgeschlagen: „Um die Möglichkeiten der Variabilität zu veranschaulichen, wurde der Normaltyp (71 qm Grundfläche), von dem 56 Wohnungen gebaut werden, in sechs verschiedenen Ausführungen gezeigt [...]. Die Raumaufteilung lässt sich, wenn sie auf Grund veränderter Bedürfnisse der Bewohner erforderlich werden sollte, auch später mit geringem Kostenaufwand verändern, denn es brauchen weder Installationen verlegt noch Unterzüge für die Zwischenwände eingebaut zu werden. Damit wird dieses Wohnhochhaus Bedürfnissen gerecht, die bisher nur mit hohen Kosten oder durch relativ teure Falt- und Schiebewände befriedigt werden konnten.“(ebd.).
Von den sechs im Katalog skizzierten Wohngrundriss-Varianten wurde z.B. der „Zweibetten-Typ für selbständige Praxis: Wohnraum, ein Schlafraum, Küche, Warte- und Sprechzimmer“ in den ersten Stockwerken angeboten oder der „Vierbetten-Typ für Eltern mit zwei Kindern: Wohnzimmer, zwei Schlafräume, vergrößerte Loggia (‚grünes Zimmer’) und Essküche“. Diese Vorschläge fanden jedoch ebenso wenig Nachfrage wie - bei gleicher Wohnungsgröße - der „Sechsbetten-Typ für Eltern mit vier Kindern“ (Wiederaufbau Hansaviertel, Heft 4, Darmstadt 1957, S. 217). Die Idee eines „grünen Zimmers“, einer in die Wohnfläche eingreifenden Loggia, auf der sich die Familie gemeinsam aufhalten, arbeiten und Gymnastik treiben kann, verfolgt der Architekt schon seit seinem Studium. Noch 1957 schreibt er darüber („Wie soll die Wohnung unserer Zeit aussehen?“, in: Der Tagesspiegel, Berlin, 6.7.1957), und in einer seiner eigenen Wohnungen, um 1940, ließ sich die Couch in der Loggia zum Schlafplatz ausziehen und die Loggia nach außen mit großen Fensterflügeln verschließen (was in der Bartningallee 9 aus denkmalpflegerischen Gründen, also um die Konzeption des Architekten nicht zu verändern, nicht gestattet ist).
Im Zuge der öffentlichen Diskussion um erschwingliche Mietpreise im neuen Hansaviertel wurde Objekt 18 in das Programm des „sozialen Wohnungsbaus“ übernommen; neben langen Wartelisten waren Wohnberechtigungsschein und ein zinsloses Mieterdarlehen die Einzugsbedingungen. Die erste Eigentümerin, die Terrassenhaus-Bau GmbH, ließ nur einheitliche Standardgrundrisse herstellen, an denen sich bis zum Ablauf der Sozialbindung, Verkauf des Hauses und der Umwandlung in Eigentumswohnungen im Jahr 2000 nichts änderte. Zwangsläufig, denn die Vermieterin hatte aufgrund der begrenzten Sozialmieten zu geringe Mieteinnahmen, um in bauliche Veränderungen zu investieren, konnte sich ihre Mieter nicht einmal selbst aussuchen, und die Mieter hatten andererseits keinen Anlass, in fremdes Eigentum zu investieren und wären in der Regel finanziell auch nicht dazu in der Lage gewesen. Ab etwa 2000 kommt die eigentliche Idee des Architekten von den variablen Grundrissen in größerem Umfang zur Geltung. Wohnungen im Hansaviertel sind wegen der zentralen Lage und der Wohnqualität am Tiergarten nach wie vor sehr gefragt, doch sind Familien heute größere Wohnflächen gewohnt als in den 1950er Jahren. Deshalb ziehen z.Zt. oft kinderlose Paare oder Alleinstehende in die Wohnungen ein, die sich eine großzügigere Raumgestaltung wünschen und gerne Wände ganz oder teilweise entfernen oder andere individuelle Zuschnitte bevorzugen. Eine größere Finanzkraft als vom Architekten angedacht ermöglicht heute sogar ggf. den Erwerb zweier nebeneinanderliegender Wohnungen und ihre Zusammenlegung zu einer doppelt so großen Wohnung mit Durchbruch an einer nicht tragenden Wand, wobei den Wünschen der neuen Eigentümer - bis hin zur Etagen-Heimsauna - viel Freiheit bleibt. In Unkenntnis der gesundheitsförderlichen Absichten des Architekten ist seine auch gerade für dieses Haus angedachte Idee von einer zum „grünen Zimmer“ erweiterten Loggia hierbei aber bisher noch nicht verwirklicht worden.
Das Dachgeschoss (15. OG) ist als „Staffelgeschoss“ ausgeführt. Wie unten das Erdgeschoss (Hochparterre) schließt es den Baukörper oben mit einem umlaufenden Terrassengang ab, der allerdings zwischen den fünf Wohnungen jeweils von einer Trennwand unterbrochen wird. Hier kommen die Pendelstützen als quasi freistehende Säulenelemente besonders zur Geltung. Vier der fünf ausdrücklich im „Ateliercharakter“ (Interbau-Katalog) geschaffenen Wohnungen dieser obersten Etage haben also eine deutlich kleinere beheizte Wohnfläche als die unteren 14 Etagen; nur bei der mittleren, ohnehin nur ca. 49 qm großen Südwohnung ist das Prinzip der über die gesamte Wohnungsbreite (hier: 7 m) laufenden Loggienfläche identisch mit den anderen Etagen. Die vier fast gleich großen Wohnungen an den Ecken des Hauses wiesen ursprünglich neben Flur, Kammer, Bad und offener Küche ein größeres Wohnzimmer und zwei halbe Zimmer à 7,5 qm auf (z.B.: 1 Kinderzimmer, 1 Elternschlafzimmer). Die Fensterflächen sind hier in der Tat umfangreicher als in den anderen Etagen, nur im Bereich der beiden halben Zimmer findet sich je eine halbe Wandseite ohne Fenster (z.B. zum Stellen eines Schrankes). Die Fensterrahmen gehen ansonsten nahtlos oder nur von einer schmalen Säule bzw. der Zimmertrennwand unterbrochen ineinander über, so dass diese vier Atelier-Wohnungen deutlich heller sind als alle anderen. Die um die Ecken verlaufenden Balkon-Terrassen sind allerdings meist sehr windig und weniger benutzungsfreundlich als die an den Seiten geschlossenen kleinen Loggien. Der freie Ausblick aus den oberen Etagen auf die City von Berlin ist berauschend schön und eine Besucherattraktion. Vom innenliegenden Treppenhaus aus an der Nordseite ist jedoch nicht viel von der Stadt zu sehen, so dass die wenigen Fremden, die sich z.B. zu Silvester mit der Hoffnung auf eine faszinierende Aussicht in das Haus „eingeschmuggelt“ haben, maßlos enttäuscht werden.
Gustav Hassenpflug hat die Fassade des Hauses bei flüchtiger Betrachtung relativ schlicht und jedenfalls ohne deutliche Auffälligkeiten gestaltet. Ursprünglich waren die oberen vier Ecken, wie Modellfotos beweisen, zurückspringend und ohne Dach. Eine Gesamtansichtszeichnung des Architekten vom 30.6.1956 (Kunstbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin) lässt die Deutung zu, dass diese oberen Gebäudeecken alternativ in der heute ausgeführten äußeren Form geschlossen, jedoch mit einem nach oben in der Dachfläche geöffneten Rasterfeld angedacht waren. Die erste, sechste und elfte Etage haben nur in der kleinen mittleren Wohnung eine Loggia. Dies bedeutet einerseits eine interessante optische Gliederungsfunktion für die Fassade, die nun - abweichend vom Modell - auf der West- und der Ostseite „gedrittelt“ und nicht allzu einförmig ausschaut. Andererseits stellen diese (in der beheizten Fläche größeren) Wohnungen eine Alternative für die Mieter dar. In der Tat hat es in der Geschichte des Objektes verschiedentlich Wohnungswechsel innerhalb des Hauses gegeben: Mieter der balkonlosen großen Wohnungen haben sich verkleinert und freuen sich heute über ihre sonnige Loggia; Mieter, deren Familie sich vergrößerte, die jedoch im Haus wohnen bleiben wollten, sahen die größere Wohnfläche der Wohnung ohne Loggia nun als Vorteil. Die Architekturhistorikerin Gabi Dolff-Bonekämper beschreibt in ihrem Buch über das Hansaviertel die Wirkung von Hassenpflugs Fassadengestaltung wie folgt:
„Sein Hochhaus, das auf den ersten Blick praktisch, aber konventionell erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als Versuch, einen im Hansaviertel sonst nicht vertretenen Stil zur Geltung zu bringen. Die geschosshohen Stützen aus hellgrau getöntem Leichtbeton und die Zwischendecken bilden ein vollkommen regelmäßiges, plastisches Fassadenraster, hinter das die dunkelgrauen Brüstungen und Wandfüllungen aus Fertigteilen sowie die Fenster und Loggien zurücktreten. Die Eckstützen sind nicht hervorgehoben, so dass die vier Fassaden quasi rahmenlos aneinander stoßen. Obwohl die horizontalen Elemente deutlich breiter sind und stärker hervortreten als die vertikalen, ist die Wirkung der einer ‚Vorhang’-Fassade ähnlich.“(S. 72).
Auch wenn die Montage der Fassadenelemente nicht der Bauweise der „Vorhang“-Fassaden entspricht, so sieht die Autorin in der optischen Wirkung zu recht ein Zitat dieser damals ganz modernen Fassadengestaltung. Sie verweist hierbei insbesondere auf Ludwig Mies van der Rohes „berühmte und damals geradezu als Ikonen des Hochhausbaus verehrte“ Lake-Shore-Apartmenthäuser in Chicago. Hassenpflug zeigt diese in seinem 1966 mit Paulhans Peters veröffentlichten Buch „Scheibe, Punkt und Hügel. Neue Wohnhochhäuser“ interessanterweise nicht, bildet jedoch Mies van der Rohes „Lafayette Apartments“ in Detroit ab (S. 62f.). Ein kleines Versehen in Dolff-Bonekämpers sehr zur Lektüre empfohlenem Buch über das Hansaviertel soll hier korrigiert sein: Die sechs Gestaltungsvarianten zum Standard-Wohnungsgrundriss, die u.a. der Interbau-Katalog abdruckt, sind bei ihr versehentlich falsch gedreht und der Nordost-Ecke des Hauses zugeordnet worden. Sie beziehen sich jedoch auf die Südwest-Ecke, wie das bei der Nordost-Ecke erforderliche, hier aber fehlende Fenster zum Treppenhaus und die an der Schmalseite anstelle zweier Fenster fehlenden geschlossenen Wandausfachungen beweisen.
Hassenpflugs Bau „wird in konstruktiver wie in wohnfunktioneller Hinsicht als einer der interessantesten Bauten des Berliner Hansaviertels bezeichnet“ (Christian Grohn: Gustav Hassenpflug. Architektur, Design, Lehre. 1907-1977. Düsseldorf 1985, S. 114; u.a. nach: Architektur und Wohnform, 1960, H. 4, S. 94f.).
Der Architekt
Gustav Hassenpflug (1907-1977) begründete nach seiner Gesellenprüfung als Tischler mit Gleichgesinnten in Altenberg bei Köln die „Altenberger Werkstätten“, wo er schlichte Holzmöbel und Einrichtungen entwarf und baute. Mit solchen Raumausstattungen an der Ausstellung „Gesolei“ 1926 in Düsseldorf beteiligt, lernte er dort die für industrielle Serienproduktion gedachten Arbeiten des Bauhauses kennen. Er studierte daraufhin 1927 und 1928 am Bauhaus Dessau zunächst Malerei, Möbelentwurf und industrielle Formgebung und wurde dort sehr schnell Mitarbeiter von Marcel Breuer. Es haben sich in seinem Nachlaß Aufzeichnungen vom Unterricht bei Moholy-Nagy, Kandinsky und Klee erhalten (diese heute im Bauhaus-Archiv, Berlin). Schon 1928 veröffentlichte er im 4. Heft der heute berühmten bauhaus-Zeitschrift einen Aufsatz mit dem Titel „möbel aus holz oder metall oder?“. Immer wieder publizierte er später Bücher zum Thema: „Möbel aus Stahlrohr und Stahlblech“ 1935, „Baukastenmöbel“ (1949), „Stahlmöbel“ (1960) und „Stahlmöbel für Krankenhaus und ärztliche Praxis“ (1963), außerdem zahlreiche Aufsätze. Auch über Malerei, namentlich sein Buch „Abstrakte Maler lehren“ (1959). Im dritten und vierten Semester studierte Hassenpflug dann Architektur und Städtebau bei Hannes Meyer und Mart Stam, wobei er sich für Meyers soziales und biologisches Engagement um das neue Wohnhaus begeisterte, das keine „Wohnmaschine, sondern ein biologischer Apparat für seelische und körperliche Bedürfnisse“ sein sollte.
Seit 1929 arbeitete Hassenpflug als freier Architekt in Berlin und als Mitarbeiter von Marcel Breuer (Beteiligung u.a. an der Deutschen Werkbundausstellung in Paris 1930 und an der Bauausstellung Berlin 1931). 1931 schloß er sich der Stadtplanungs-Gruppe von Ernst May in Moskau an, wo er u.a. am „Generalbebauungsplan für Groß-Moskau“ beteiligt war. 1934 bis 1945 arbeitete er wieder in Berlin und in der Schweiz, Wohnhäuser und Geschäftseinrichtungen entwerfend und als ständiger Berater großer Möbelfirmen. Noch kurz vor Kriegsende war er gemeinsam mit Egon Eiermann an einem Krankenhausbau in Berlin tätig; 1945 übernahm er im Auftrag von Prof. Sauerbruch die Leitung des Wiederaufbaus zerstörter Berliner Krankenhäuser und verfasste mit Prof. Dr. med. Paul Vogler die Monographien über „Das Gesundheitswesen in der Bauplanung Berlins“ und das „Handbuch für den neuen Krankenhausbau“. Ab 1946 lehre Hassenpflug als ordentlicher Professor für Städtebau in Weimar. Später leitete er die Landeskunstschule in Hamburg, deren Umbildung er in eine Staatliche Hochschule für Bildende Künste 1955 durchsetzte. Seit 1956 (bis 1972) lehrte er als ordentlicher Professor an der Technischen Hochschule München. Neben zahlreichen Gebäuden (Berlin, Hamburg, München, Helgoland...), vielen Möbeln, nicht realisierten Entwürfen sowie den o.g. Buchpublikationen gehören zum Schaffen von Gustav Hassenpflug auch eine Fülle von Aufsätzen und Manuskripten, namentlich zu städtebaulichen Fragestellungen.
Frank-Manuel Peter