Gebäude 06

Katholische Kirche St. Ansgar
Architekt: Professor Willy Kreuer, Berlin

Der Standort der Kirchenanlage am Westrand des Hansaviertels, dicht an der Bahntrasse, erforderte auch eine mit diesem Platz korrespondierende Gestaltung des Bauwerks. Der Pfarrhof, der auf der einen Seite von der Kirche, auf der anderen vom Pfarrhaus mit Gemeindesaal und Jugendräumen begrenzt ist, öffnet sich weit zur Nachbarschaft hin. Er ist als offenes Dreieck ebenso wie das Kirchenschiff selbst gegen die nahe Bahnlinie abgeschirmtt. Dessen Grundriss ist auf einer Parabel aufgebaut. Die nach Norden und zur Bahn liegende Seite der Kurve bildet eine festgeschlossene Wand, so daß die Andacht nicht durch Zuggeräusche gestört wird. Die dem Stadtteil zugewandte Seite hat großflächige, stark gegliederte und vielfältig verglaste Wandflächen. Durch diese architektonische Lösung und die städtebauliche Konzeption des Komplexes soll die enge Beziehung zwischen Kirche und Gemeinde ausgedrückt werden.

Die Kirche wurde in Stahlbetonkonstruktion errichtet, deren tragende Teile - wie Pfeiler, Stützen, die Rippen der Decke und der Glockenträger mit dem Kreuz - in Sichtbeton gehalten sind. Mit Klinker ist die gekurvte, große, geschlossene Wand außen verkleidet worden. Innen wird die Wandfläche durch plastische Darstellungen der Kreuzwegstationen gegliedert. Sichtbare Betonkonstruktionsteile im Innenraum sind farbig stark akzentuiert.

Das Maßwerk zwischen den Stahlbetonstützen wurde in Ortbeton hergestellt. Der Altarraum, der schon farbig besonders hell gehalten ist, wird noch durch einen Helligkeitseffekt besonders hervorgehoben, den man durch ein Oberlicht erzielt. Dem Altarraum ist in einer Nische ein Seitenaltar vorgelagert. Durch die Staffelung der Eingangswand ist seitlich des Haupteinganges ein Raum entstanden, in dem sich - abgeschlossen vom großen Kirchenraum - eine Beichtkapelle befindet. Über dem Haupteingang liegt die Sängerempore mit der Orgel. Als Bodenbelag wurden geschliffene Natursteine gewählt.

Die Anlage wird durch das zweigeschossige Pfarrhaus mit Gemeindesaal und Jugendräumen ergänzt. Zwischen diesem Trakt und der Kirche liegt eine kleine Grünfläche, die gegen den Bahnkörper durch den niedrigen Bau der Sakristei für Priester und Ministranten, der Kirche und Pfarrhaus verbindet, abgeschlossen ist. Den internen ,,grünen Außenraum", der in die Grünanlagen des südlichen Hansaviertels überleitet, trennt vom Verkehr der Umwelt eine niedrige Mauer, die durch einen Steinschnitt mit Majoliken künstlerisch gestaltet wird.

Da im neuen Hansaviertel eine Reihe von Wohnhochhäusern entsteht, die die Kirche ohnehin überragen, hat der Architekt auf einen Turm verzichtet. Dafür wächst aus den sich allmählich in die Höhe steigernden Baumassen der Kirche ein Glockenträger mit einem daraus hochragenden Kreuz.

Statik: Karl Hillenblink
Gartengestaltung: Edvard Jocobson (Karlstadt/Schweden) und
Professor Hertha Hammerbacher (Berlin)

WILLY KREUER
Willy Kreuer (*28. November 1910 in Köln; †12. September 1984 in Berlin)
war ein Architekt der Nachkriegsmoderne, der in Berlin eine nennenswerte regionale Bedeutung hatte. Der Vorname „Wilhelm“, der auf Kreuers Geburtsurkunde stand, taucht nur gelegentlich in Zeitungsartikeln auf, wurde allerdings von Kreuer nie verwendet.

Zunächst war Kreuer von 1928–1937 in verschiedenen Kölner Baubüros tätig, unter anderem bei bedeutenden Baumeistern der Moderne, wie Martin Elsässer und Dominikus Böhm. Aus dieser Zeit stammen innovative und moderne Entwürfe. Erst 1937 begann seine Tätigkeit in Berlin, wo er 1938 ständiger Mitarbeiter bei Werner March wurde und dabei mit Neuplanungen für das Elbufer in Hamburg betraut war, ferner einer Stadionsanlage in Belgrad sowie Bauten der jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin. Später hatte er längere Aufenthalte in Kopenhagen und Budapest. Er nahm 1941 am Wettbewerb für eine Hochschulstadt in Preßburg (heute Bratislava) teil, wurde dann von 1942–1945 zum Wehrdienst eingezogen. 1945/1946 konnte er seine Tätigkeit als freischaffender Architekt in Berlin wieder aufnehmen und beteiligte sich 1946 erfolgreich am Wettbewerb für die Bebauung und Verkehrslösung des Areals zwischen Hauptbahnhof und Hauptwache in Frankfurt (Main) in Zusammenarbeit mit Wolfgang Draesel. Damit nahm eine rege Wettbewerbstätigkeit Kreuers ihren Anfang, die sein Interesse für bedeutende Bauaufgaben zeigte. Es folgte 1948 die Teilnahme am Wettbewerb für eine Wiederaufbauplanung Frankfurt (Oder) in Entwurfszusammenarbeit mit Richard Lüer.

1949–1952 wurde er Assistent am Lehrstuhl für Städtebau der Technischen Universität Berlin, womit seine dortige Laufbahn begann, 1951 wurde er außerordentlicher Professor an der TU Berlin.

Ein bedeutender Berliner Wettbewerb, an dem er teilnahm war u. a. der Wettbewerb zum Hauptgebäude (Zentrale) der Berliner Bank, Hardenbergstraße 32 (1951, ausgeführt wurde der Entwurf von Gerhard Siegmann 1952/1953). Seine Bedeutung als Architekt konnte er erstmals 1951 bei seiner Entwurfs- und Baubeteiligung zusammen mit Fritz Bornemann an der 1951–1953 errichteten Amerika-Gedenkbibliothek unter Beweis stellen. Es folgte zunächst 1951/1952 der Entwurf und Bau des Rathauses Berlin-Kreuzberg, Yorckstraße 4–11. Kreuer arbeitete beim Entwurf mit Hartmut Wille zusammen. Die Grundsteinlegung des Stahlbeton-Skelettbaus erfolgte im Oktober 1952 (1. Bauabschnitt 1953/1954,
2. Erweiterungsabschnitt 1956–1958).

Sein herausragendstes Werk ist das Fakultäts- und Institusgebäudes für Bergbau und Hüttenwesen der Technischen Universität Berlin am Ernst-Reuter-Platz 1 (1955–1959). Der für die Planung und Baudurchführung verantwortliche Mitarbeiter war Alfred Fitting. Im Berliner Hansaviertel lagen dem städtebaulichen Entwurf die Pläne Kreuers zugrunde. Als Bauwerk verwirklichte Kreuer dort allerdings nur die katholischen Kirche St. Ansgar 1957/1958. Zwischen 1958 und 1961: Entwurf und Bau des ADAC-Gebäudes in der Bundesallee. Mitarbeiter Herbert Stanz, Grundstein 12. September 1959, Fertigstellung 1960. Zuwenig beachtet in seiner architektonischen Qualität wird Kreuers Alterswerk, das seit 1963 entworfene und 1965–1968 gebaute Institut für Technische Chemie der TU Berlin an der Straße des 17. Juni: Dieses wurde als Stahlbetonbau errichtet und mit einer Kunststofffassade verkleidet.