Marlene Dietrich — Sie hatte noch einen Koffer in Berlin
Betteln mit Charme
MARLENE DIETRICH ORGANISIERT GELDER FÜR DAS
"NEUE HANSAVIERTEL"

Vom Bahnhof Zoo führt die S-Bahn durch den Tiergarten Richtung Friedrichstraße. Das einundzwanzigste Jahrhundert ist erst wenige Wochen alt. Die Berliner lesen, nur wer fremd ist in der Hauptstadt, blickt noch aus dem Fenster: abgehackte Häuserfronten mit frei stehenden Brandmauern, hellgelb leuchtende, frisch restaurierte Jugendstilfassaden mit blumenreichen Balkons, Hinterhöfe. Plötzlich ändert sich die Szenerie: Mitten in einem Park stehen Hochhäuser, Einfamilienhäuser, Schulen und Kirchen, eine Kongresshalle - das Hansaviertel, eine Stadt im Grünen. Kein Haus gleicht dem anderen, Farben und Formen variieren, irritieren. Einige von ihnen muten hochmodern an, andere eher bieder. Große Namen stehen im Reiseführer: Alvar Aalto, Walter Gropius, Pierre Vago, Oskar Niemeyer oder Hans Schwippert. Gemeinsam mit anderen weltbekannten Architekten haben sie sich hier während der Internationalen Bauausstellung, der so genannten Interbau, Ende der fünfziger Jahre ein Denkmal gesetzt. Mit ihren avantgardistischen Entwürfen dokumentierten sie damals die „Gestaltungskraft der freien Welt in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen“: so der achtgeschossige Wohnblock des Finnen Aalto oder das Haus von Günther Gottwald, das mit verschiebbaren Wänden für Furore sorgte; Gropius’ geschwungene Hochhauszeile oder die farbigen Fassaden des Franzosen Vago.

Das Hansaviertel, ein einstmals beliebter bürgerlicher Stadtteil, im Krieg fast völlig zerstört, sollte zum Symbol für Berlins Erneuerungswillen werden. Hatten doch hier einst Berühmtheiten wie der Maler Hans Baluschek, der Secessions-Gründer Walter Leistikow oder der Theaterkritiker Alfred Kerr gelebt. Sogar Lenin hatte hier 1895 für zwei Monate als Untermieter in der Flensburger Straße logiert. Doch 1945 war nichts mehr übrig von dem alten Stadtteil, lediglich das ehemalige Haus des Malers Max von Rüdiger stand noch. Es hatte den Großbrand nach dem Bombardement überlebt.
Knapp zehn Jahre später fanden im Berliner Senat erste Diskussionen statt, was mit der grünen Insel mitten im Stadtgebiet geschehen sollte. Immerhin handelte es sich um eine der besseren Wohnlagen Berlins. Die Stadt brauchte moderne Akzente, da war man sich einig. Was für eine Gelegenheit, das größte Trümmerfeld Berlins dem Einfallsreichtum der besten Architekten der Welt zu überlassen, damit die Stadt wieder Anschluß an die internationale Moderne fand. Anlaß sollte die Internationale Bauausstellung sein, die 1957 in Berlin ausgerichtet wurde. Zwei Jahre hatten Gartengestalter, Architekten und Bauunternehmer Zeit, ihre Pläne zu verwirklichen. Der Wiederaufbau wurde in einem Wettbewerb als ¯eine in die Parklandschaft eingegliederte aufgelockerte Bebauung® festgeschrieben und lockte achtundvierzig Architekten aus dreizehn Ländern in die geteilte Stadt.

Vorangegangen waren jahrelange Anstrengungen um die erforderlichen finanziellen Mittel, die weder der Senat in Berlin noch die Bundesregierung in Bonn zur Verfügung stellen konnten. Die einzige Möglichkeit, das ehrgeizige Projekt zu realisieren, bestand deshalb darin, zusätzliche Gelder aus den USA im Rahmen des Marshallplans zu erhalten. Ein Fall für Marlene Dietrich, meinte der damalige Berliner Wirtschaftssenator Paul Hertz, wie sich Walfried Peters, in jenen Jahren Chef der Berliner Wohnungs-Kreditanstalt, erinnert. Hertz, vor Januar 1933 Sekret„r der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, war unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis in die USA emigriert. Dabei hatte er wie viele andere Marlenes Hilfe in Anspruch genommen, die ihn auch bei seinen Unternehmungen für die American Guild finanziell unterstützt habe. Während des Krieges stand Hertz in regelmäßigem Kontakt mit ihr.
Nach Kriegsende holte ihn der damalige Berliner Bürgermeister Ernst Reuter an die Spree zurück, wo er ab den fünfziger Jahren Bevollmächtigter für die Marshallplangelder, die für Berlin zur Verfügung gestellt wurden, war. Die SPD ernannte ihn daraufhin zum Wirtschaftssenator. So fiel es ihm leicht, sich auch jetzt, in seiner neuen Funktion als Berliner Politiker, wieder an Marlene zu wenden, um sie über den geplanten Wiederaufbau des Hansaviertels und die damit verbundenen Finanzengpässe zu informieren.

Hertz reiste nach New York. Er wußte selbstverständlich um Marlenes Engagement für Berlin, und er war sicher, daß sie etwas unternehmen würde. Er irrte sich nicht. Marlene gefiel die Idee, ein Stück Avantgarde in ihre Heimatstadt zu bringen. Dafür wollte sie gern ihre Kontakte nutzen. Geld sammeln - das konnte sie! Schließlich hatte sie während des Krieges Unsummen für das amerikanische Rüstungsprogramm aufgetrieben. Und jetzt also das Hansaviertel - ein Symbol für den Wiederaufbau in internationaler Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Paul Hertz machte sich Marlene auf zur nächsten „Tour de Finances“.

Laut Paul Hertz hat Marlene mit Aufbietung all ihres Charmes in nur zwei Tagen eine siebenstellige Summe die Wall Street entlang „erbettelt“. Erstaunt registrierte er, wie diese nach wie vor unerhört erotische Frau scheinbar mühelos die Safes der größten Banken öffnete. Allerdings hatte die Sache noch einen Haken: Zwar stand das Geld für die Interbau in Berlin nun zur Verfügung, seine Verwendung in Europa ? vor allem in Deutschland ? konnte jedoch nur im Rahmen der Bestimmungen des Marshallplans erfolgen. Und dafür brauchte man die Zustimmung des damaligen US- Finanzministers George M. Humphrey in Washington. Marlene flog kurzerhand mit Paul Hertz nach Washington und bat um einen Gesprächstermin im Ministerium. Ihre guten Beziehungen zu zahlreichen Senatoren dürften ihr dabei geholfen haben. Wieder staunte Hertz, wie der Name Marlene Dietrich die Türen der mächtigsten Männer in Washington öffnete.
Der Finanzminister war außerordentlich freundlich, beharrte jedoch auf den Bestimmungen des Marshallplans und den Beschlüssen des Finanzausschusses im Kongreß - und die sahen für 1955/56 keine weiteren Mittel für Deutschland und Berlin vor. Marlene ließ sich von Bestimmungen und Be Schlüssen nicht entmutigen. Immerhin war ihr von Seiten der Banken bestätigt worden, daß das Geld verfügbar ist. Und „Geld ist dazu da, daß es ausgegeben wird“. Marlene sprach aus tiefster Überzeugung, war sie doch selbst stets sehr großzügig mit ihrem persönlichen Vermögen umgegangen - was später erhebliche Folgen hatte: Im Alter, als sie kein Geld mehr verdienen konnte, war sie allein nicht einmal mehr in der Lage, die teure Miete für ihre Wohnung in Paris aufzubringen; ganz im Gegensatz übrigens zu ihrer Konkurrentin Greta Garbo, die zeit ihres Lebens als ausgesprochen geizig galt.

Doch der bedrängte Humphrey berief sich auf die Mitglieder des Finanzausschusses, denen er Rechenschaft abzulegen habe, da könne man nicht einfach einmal ein paar Millionen dazwischenschieben! Marlene setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf: Dann werde sie ihn eben zu diesem Ausschuß begleiten, um ihm dort mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zur Seite zu stehen. Diese Vorstellung belustigte den Finanzminister - darauf ankommen lassen wollte er es aber lieber nicht. Entwaffnet gab er im voraus das ersehnte O.K. für die Gelder. Paul Hertz hatte seine Mission erfüllt.
Humphrey habe dem Finanzausschuß anschließend von der eigenmächtigen Zustimmung weiterer Marshallplanmittel für Berlin berichtet und sich damit verteidigt, daß er durch ihre hinreißende Erscheinung schwach geworden sei - aber welcher Mann könne dieser Frau schon widerstehen? Der Ausschuß stimmte der Bewilligung nachträglich schriftlich zu.

Marlene war zufrieden, bat Paul Hertz jedoch - wie immer bei solchen Hilfsaktionen - um Stillschweigen. Ihr lag nichts an dieser Art Publicity. Und so wissen heute nur wenige, daß eines der berühmtesten Kinder Berlins maßgeblich am Wiederaufbau des Hansaviertels beteiligt war.

Auszug aus Hermann Kreutzer/Manuela Runge Ein Koffer in Berlin (leider vergriffen - eine Neuauflage ist aktuell nicht geplant) Marlene Dietrich - Geschichten von Politik und Liebe Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2001

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