Das alte Hansaviertel — Nach dem Luftangriff in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943
ZERSTÖRUNG
Von zwei Zerstörungen muß man sprechen. Die erste Zerstörung begann mit der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus. Schon am 1. April 1933 rief das NS-Regime zum Boykott jüdischer Geschäfte, Arzt-Praxen und Rechtsanwalts-Büros auf. Es wurde klar, daß die jüdische Bevölkerung rigoros verdrängt werden sollte. Wo Verbindungen ins Ausland bestanden, ausreichend finanzieller Hintergrund gegeben war, entschlossen sich Betroffene zur Ausreise. Die Drangsalierungen nahmen mit jedem Jahr zu. Die Schulen von Adass Jisroel an der Spree füllten sich über ihre Kapazität hinaus, weil jüdische Schüler die öffentlichen Schulen nicht mehr besuchen durften. Nach der Reichskristallnacht kam es gerade im Hansaviertel schnell zu Ausmietungen jüdischer Familien. Man benötigte geräumige Wohnungen für die umzusetzenden Familien aus dem Alsen-Viertel, das der Errichtung von Hitlers Welthauptstadt Germania weichen mußte. Eine Karte des Generalbauinspektors der Reichshauptstadt (wahrscheinlich, von 1941) zeigt den südlich der Bahntrasse gelegenen Teil des Hansaviertels als "judenrein". Schließlich war an Flucht nicht mehr zu denken; im Jahre 1940 begannen Deportationen in Arbeits- und Konzentrationsläger. Die Namenslisten der zu Deportierenden hatten die jüdischen Gemeinden zusammenzustellen und vorzulegen. Als die Lyrikerin Nelly Sachs schon den Gestellungsbefehl in ein Arbeitslager in Händen hielt, war - buchstäblich im letzten Moment - die Intervention der Schriftstellerin Selma Lagerlöf und des schwedischen Königs erfolgreich. Mit einer der letzten Passagiermaschinen nach Stockholm konnte Nelly Sachs mit ihrer Mutter am 16. Mai 194o Berlin verlassen. Das Hansaviertel war von diesen Maßnahmen über Jahre tief und bis in den sichtbaren Alltag betroffen, das Band der "Bürgerlichkeit" zerrissen. Stolpersteine erinnern heute an deportierte und ermordete Hansaviertel-Bewohner, Gedenktafeln an die durch Brandstiftung zerstörten Synagogen.
Die zweite - und endgültige - Vernichtung brachte ein Luftangriff in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943. Von 343 Häusern des alten Hansaviertels waren noch 7o übriggeblieben, bei Kriegsende waren es noch etwa 4o Häuser, davon viele schwer beschädigt. Auch sämtliche Gotteshäuser waren zerstört. Wieviele Menschen bei dem schweren Luftangriff umkamen, ist nicht bekannt.
Mit dem alten Hansaviertel war ein wichtiges Kapitel Berliner Wohn- und Lebenskultur unwiderbringlich untergegangen.
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