DAS ALTE HANSAVIERTEL — stets ein Treffpunkt außergewöhnlicher Zeitgenossen
EINWOHNERSCHAFT

Das Einwohner-Register läßt erkennen, daß zwei Einwohnergruppen über lange Zeit im Hansaviertel besonders stark vertreten waren: zum einen Kaufleute, Bankiers und Fabrikanten, zum anderen Menschen, die von ihrem Vermögen lebten, also Privatiers und Privatieren, Rentiers und Rentieren, wie sich das Einwohner-Register ausdrückt, sowie Hauseigentümer. Daneben wohnten hier Ministerialbeamte und Angehörige des Diplomatischen Dienstes, Gerichtspräsidenten, Kammergerichtsräte, Richter und Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Notare. Auch Offiziere nahmen hier gern Wohnung - die Namen lesen sich wie ein Querschnitt durch den preußischen Adel. Auch drei kaiserliche Hofmarschälle waren hier zu verschiedenen Zeiten zu Hause. Hervorzuheben ist schließlich die hohe Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Metiers. Natürlich gab es auch die Kleingewerbetreibenden, die ihre Ladenräume in der Regel etwas versteckt in den Souterrains der Wohnhäuser unterhielten, ferner die Zugehfrauen, Köchinnen, Plätterinnen, Kutscher, Portiers etc.
Von den namhafteren unter den Einwohnern sollen hier beispielhaft einige genannt werden: Graf Botho zu Eulenburg (1831 - 1912) Preußischer Ministerpräsident in den neunziger Jahren; Generaloberst Hans von Seeckt (1866 - 1936), Organisator der Reichswehr nach dem Ersten Weltkrieg; der Maler Lovis Corinth (185$ - 1925) und der Grafiker Hermann Struck (1876 - 1944); die Lyrikerin Nelly Sachs (1891 - 1970) und die Dichterin Else Lasker-Schüler (1869 - 1945); der Dombaumeister Prof. Julius Raschdorff (1823 - 1914); die Bankiers K, v.d. Heydt und K. Ländsberg; Rosa Luxemburg (1870 - 1919) für wenige Jahre und ihre Sekretärin Mathilde Jacob (1873 - 1943).

Bemerkenswert war der Anteil der jüdischen Einwohner. In den zwanziger Jahren war er mit ca. 8% fast doppelt so hoch wie der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung Berlins. Etwa 10% der Häuser des Hansaviertels befanden sich in jüdischem Eigentum. Es gab zwei Synagogen: an der Ecke Lessing-/Flensburger Straße die "Intellektuellen-Synagoge", zu der sich u.a. Albert Einstein und der schon genannte Hermann Struck zählten; am Spreeufer in Siegmundshof die Synagoge von Adass Jisroels zu der auch ein umfangreiches Schulwerk gehörte. In Reichweite, in der Levetzowstraße, stand eine weitere Synagoge, eine der größten Berlins mit mehr als zweitausend Sitzplätzen, der zahlreiche Juden des Hansaviertels angehörten. Die hier ansässigen jüdischen Familien zählten überwiegend zum Mittelstand, in einigen Straßen zum Großbürgertum. Und "Bürgerlichkeit" dürfte das Bindeglied zwischen, den jüdischen und den nichtjüdischen Einwohnern des Hansaviertels gewesen sein.

© 2009 Bürgerverein Hansaviertel e.V.