Nahezu alle großen Berliner Architekten der Kaiserzeit haben im Hansaviertel Spuren hinterlassen
BEBAUUNG UND ARCHITEKTUR
Mit dem Größerwerden der Stadt wuchs das Interesse an ruhigen stadtnahen Wohnplätzen. Der Bereich südlich des Tiergartens um die heutige Tiergartenstraße herum war bereits während des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts mit Villen und Landhäusern bebaut worden. So richteten sich denn begehrliche Blicke auf die noch weitgehend unberührte Wiesenlandschaft nördlich des Tiergartens. Nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges 1871 setzte ein hartes Ringen interessierter Investoren ein. Die unterschiedlichsten Vorschläge für die Bebauung des Gebietes wurden vorgetragen. Die Kgl. Ordre vom 21. März 1874 bestätigte schließlich einen von der Berlin-Hamburger Immobilien-Gesellschaft entwickelten Bebauungsplan für das Terrain. Bei dieser Ordre handelt es sich mithin um die Gründungsurkunde des nachmaligen Hansaviertels. Sie schrieb fest, daß nicht mehr als zwei Oberge¬schosse gebaut werden dürfen (Ausnahme: Häuser an der Spree) und Vorgärten anzulegen sind. Der Plan sah ferner acht Straßen für das neue Viertel vor, von denen sich drei Straßen im südlichen Teil des zu bebauenden Gebietes schneiden und einen zwölfeckigen sternförmigen Platz bilden sollen.

Mit Hilfe eines erheblichen Kreditengagements erwarb nun die Berlin-Hamburger Immobilien-Gesellschaft den größten Teil des Wiesengeländes, schüttete auf, parzellierte die Grundstücke, legte die vorgesehenen Straßen an und stattete sie mit den notwendigen Versorgungsleitungen aus. Daneben gab es von Anfang an auch Erwerber von Einzelgrundstücken. Auf entsprechenden Antrag teilte das damals zuständige Kgl. Polizeipräsidium mit, daß die Straßen "mit Rücksicht auf die Hamburger Gesellschaft, die das Bauquartier ins leben gerufen hat", Namen nördlicher Orientierung erhalten sollen. Der sternförmige Platz erhielt den Namen Hansaplatz, wobei auch der einstigen Zugehörigkeit Berlins zum Hansebund gedacht werden sollte. Festgelegt wurden auch die bis heute gültigen Straßennamen: Altonaer, Klopstock-, Lessing-, Händel-, Bach- und Claudiusstraße, Schleswiger und Holsteiner Ufer. Die schon bestehende Straße südliche des Bellevue-Parks behielt ihren Namen Brückenallee.

Um 1874/75 begann auf dem Wiesen-Terrain eine rege Bautätigkeit. Doch schon Ende der siebziger Jahre war der erste große, im Gefolge der Reichsgründung entstandene, Aufschwung abgeklungen. Es gab große wirtschaftliche Schwierigkeiten im Deutschen Reich. Die rasant nachlassende Bautätigkeit stürzte Immobilien-Engagements in finanzielle Schieflage, so auch die Berlin-Hamburger Immobilien-Gesellschaft; im Jahre 1882 kam es zur Liquidation. Zu die¬ser Zeit war die Errichtung der Straßen abgeschlossen, erste Häuser waren hauptsächlich in der Brückenallee und in der damaligen Händelstraße entstanden. Erst Mitte der achtziger Jahre konnte die Bebauung des Hansaviertels wieder anlaufen und in den neunziger Jahren weitgehend abgeschlossen werden. Neben einer Reihe von Stadtvillen entstanden vor allem Miethäuser für gehobene Ansprüche; in der Brückenallee, in der Klopstock und in der Händelstraße auch Häuser mit großbürgerlichem Zuschnitt und bis zu zehn und zwölf Zimmer großen Wohnungen. Auf den Grundrißzeichnungen finden sich entsprechende Vokabeln: Saal, Salon, Zimmer der Dame, Zimmer des Herrn, Anrichte, Diener etc.

Nahezu alle großen Berliner Architekten der Kaiserzeit haben im Hansaviertel Spuren hinterlassen; so August Busse (1839 - 1896), der im Hansaviertel das romanisierende Kaiserliche Gesundheitsamt baute; Hans Grisebach (1848 - 1904) mit einem Haus mit frühen Jugendstil-Zügen; Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852 - 1932), Archi¬tekt des Alten Stadthauses und zahlreicher öffentlicher Gebäude in Berlin, baute im Hansaviertel die Menzel-Schule; Hofbaurat Ernst von Ihne (1848 - 1917), Schöpfer der Staatsbibliothek, des heutigen Bode-Museums und anderer repräsentativer Bauten; Alfred Messel (1853 - 1909), Architekt des Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz; Emil Schaudt (1874 - 1957), der das KaDeWe baute; Johannes Vollmer (1845 - 1920), der Architekt der alten Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche im Hansaviertel, Erbauer auch der beiden Bahnhöfe Friedrichstraße und Börse (heute Hackescher Markt); nicht zu vergessen Herrmann Solf (1856 - 1909) und Franz Wichards (1856 - 1919), beide miteinander unternehmerisch verbunden und Architekten repräsentativer Wohn- und Geschäftsbauten u.a. am Kurfürstendamm.

Das Erscheinungsbild des alten Hansaviertels war von den verschiedenen Stilformen des zu dieser Zeit vorherrschenden Historismus geprägt. Die wenigen Häuser der 1870er Jahre zeigten noch Elemente des Neoklassizismus, so u.a. die Villa Augusta, die an der Stelle der heutigen Studiobühne der Akademie der Künste gestanden hat. In den achtziaer und neunziger Jahren folgten dann Häuser mit renaissancierenden Fassaden verschiedener Ausprägungen. Daneben Neoromanik, spätgotisch-renaissancierender "Rathausstil" mit Spitzerkern und spitzen Turmhelmen, neobarocke Gestaltungen, auch vermischt mit Stilelementen aus Gotik und Renaissance - ein vielgestaltiges Bild, an verschiedenen Stellen mit gründerzeitlichen Überhöhungen. Es handelte sich um eine Fassadenarchitektur, die Bürgerlichkeit, Vornehmheit, Vermögen und An¬sehen der Bewohner zu vermitteln hatte. Erst Messel und Ihne mit ihren Häusern sowie das 1906 fertiggestellte "Haus Levysohn" im Jugendstil brachten den Historismus überwindende Stilelemente.

Als zunächst einzige Kirche des Viertels wurde 1895 die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche eingeweiht. Sie war Votivkirche für den im Jahre 1888 verstorbenen "99-Tage-Kaiser" Friedrich III. und enthielt rechts vom Altar eine Loge für die kaiserliche Familie. Der Turm überragte weit die Dächer der umliegenden Häuser, die - wie schon erwähnt - eines gewissen Vorort-Charakters des Hansaviertels wegen nur zwei Obergeschosse haben durften.

Haus mit dem Bergfrieden
Wohnhaus Brückenallee 4, erbaut in den 1880er Jahren, Fassade von den Architekten Solf und Wichards. Einstiger Standort an der Stelle des heutigen Ausstellungsgebäudes der Akademie der Künste, Hanseatenweg.
Neobarocke Prächtigkeit
Wohnhaus Klopstockstraße 22, erbaut 1896/97 von W. Lückerath. Einstiger Standort zwischen den heutigen Häusern Bartningallee 7 und 9.
Klopstockstr. 23
"Neobarocke Prächtigkeit", Wohnhaus Klopstockstraße 23, erbaut 1896/97 von R. Glasenapp.Einstiger Standort ist zwischen den heutigen Häusern Bartningallee 7 und 9.
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